Speyer, Worms und Lorsch: die Vergangenheit ist gleich nebenan

Eine Tour mit dem Camper bringt mich in der Strecke nicht besonders weit weg von Wiesbaden, führt mich aber gleichzeitig mehr als tausend Jahre zurück in die Vergangenheit, in eine Zeit, in der in der Region europäische Geschichte geschrieben wurde. 

Ein Problem mit dem Radio-Navigationsgerät im Campervan führt mich in den tiefen Südwesten, dorthin, wo Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg - und mit etwas Abstand auch Hessen - aufeinandertreffen, eine Art innerdeutsches Dreiländereck. Der Termin mit dem Techniker des Vertriebsunternehmens ist für neun Uhr morgens vereinbart. Um nicht in das Gedränge des Berufsverkehrs zu geraten, gönne ich mir den Luxus, bereits am Vortag den größeren Teil der Strecke zurückzulegen und die Stadt Speyer zu besuchen.

Die Anreise über die A 61 ist recht entspannt, da die Autobahn durchgängig auf 130 km/h begrenzt ist, sind die Geschwindigkeitsunterschiede geringer als üblich. Das Überholen ist auch mit dem Camper unproblematisch. Bis ich in der Innenstadt von Speyer bin, nötigen mir Baustellen noch ein paar Schleifen auf den Zufahrtsstraßen ab.  Dafür gibt es gleich hinter dem Dom und in der Nähe des Technikmuseums einen riesigen Parkplatz, auf dem das Tagesticket nur 3 Euro kostet. 

Speyer ist mit gut 50.000 Einwohner:innen eine sogenannte Mittelstadt, was sie hervorhebt, ist, dass sie eine der ältesten Städte Deutschlands ist und bereits seit der Römerzeit Bischofssitz. Der beeindruckend große Dom ist die größte noch erhaltene romanische Kirche der Welt. Speyer ist also auch eine Stadt der Superlative. 

Natürlich steht dieser Dom auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Seit diesem Jahr gehört auch ein weiteres Stück Speyer zum Weltkulturerbe: zusammen mit Mainz und Worms bildete die jüdische  Gemeinde lange Zeit das Zentrum des Ashkenaz, des abendländischen Judentums. Aus den Anfangsbuchstaben der Städte Schpira (Speyer), Warmaisa (Worms) und Magenza (Mainz) bildete sich das Akronym SchUM heraus, wobei der häbräische Buchstabe Waw für die lateinischen Buchstaben W und U steht. 

In Speyer ist heute noch der Judenhof als Kulturdenkmal vorhanden, bestehend aus den Resten der Synagoge aus dem 12. Jahrhundert, der  Mikwe, dem Ritualbad, aus derselben Zeit, der Frauensynagoge aus dem 13. Jahrhundert, einer Jeschiwa, der Schule für das Torastudium und dem Synagogenhof als Versammlungsort. Von der Synagoge stehen noch Teile der Außenmauern, damit gilt sie als die best erhaltenste Synagoge ihrer Zeit und frühestes Beispiel einer Saalbausynagoge. 

Höchst beeindruckend ist es, in die Mikwe hinabzusteigen und sich elf Meter unter der Erde inmitten romanischer Architektur wiederzufinden. Hinter einem Vorraum liegt der eigentliche Baderaum, von dem aus Treppenstufen hinunter in das Becken führen. Das Bad diente nicht der Körperreinigung, sondern einer rituellen Reinigung nach klar definierten Regeln.

Im Rahmen eines Projektes für die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit im Main-Taunus-Kreis hatte ich einmal die Gelegenheit, eine Mikwe in einem Privathaus zu besichtigen. Der Inhaber, ein bekannter Künstler der Region, hatte das alte Fachwerkhaus der Kleinstadt saniert, nachdem er es gekauft hatte, und zufällig im Keller unter dem Boden einen zugeschütteten Abgang entdeckt und freigelegt. Dabei kam eine Treppe zum Vorschein, die zu dem nach wie vor intakten Becken eines jüdischen Ritualbades am unteren Ende führte.

Vom Judenhof in Speyer sind nur noch Reste übrig. Die Gründe dafür sind bekannt. Zeit ihres Bestehens waren die jüdischen Gemeinden immer wieder Verfolgungen ausgesetzt, die in Tod und Zerstörung mündeten, immer wieder gab es Neuanfänge. Erst der Zivilisationsbruch der Deutschen im Nationalsozialismus hinterließ die fast vollständige Zerstörung jüdischer Existenz. 

Daneben steht der fast tausendjährige riesige christliche Dom. Die Außenlänge von fast 140 Metern, mehr als 70 Meter hohe Türme, das ist beeindruckend. Im Innenraum kommst du dir winzig vor. Wie bei Kirchengebäuden üblich, hat es die Form eines Kreuzes. Der Schnittpunkt zwischen Lang- und Querhaus ist die Vierung. Vom Mittelschiff aus ist sie deutlich erhöht. Dort oben befindet sich der Altar. 

Unter diesem Bereich des Gebäudes liegt die Krypta, die Unterkirche, der älteste Teil der Kirche.  Auch für sie gilt ein Superlativ, der der größten Hallenkrypta der Welt. Die Decke darin wird von vielen kleinen Pfeilern gestützt, es erinnert an die bunten Säulen der Mezquita, die alte Moschee im andalusischen Córdoba, die im Rahmen der Requoncista zur christlichen Kirche umfunktioniert worden war. Von der Krypta aus führt ein Gang zu den Kaisergräbern. Hier liegen mehrere mittelalterliche Kaiser und König:innen begraben. 

Auch der Dom blieb von den Wirrungen der Zeitläufte nicht verschont, erlebte Beschädigungen und Zerstörungen, die dazu führten, dass die Gräber zerstört und später vergessen wurden. Erst in der Neuzeit wurden sie restauriert - und dabei festgestellt, dass die eigentlichen Kaisergräber unversehrt geblieben waren - und Anfang des 20. Jahrhunderts wieder zugänglich gemacht. 

Neben den weltlichen Herrschern sind auch mehr als 40 Bischöfe im Dom beigesetzt, zuletzt im letzten Jahr der Vorgänger des aktuellen Bischofs. Interessant auch die Reliquien, die in der Katharinenkapelle im oberen Stockwerk ausgestellt sind, darunter die Kopfreliquien zweier Heiliger. 

Der Südwestturm läßt sich in den Sommermonaten und außerhalb von Pandemien besteigen, bis zu einer Aussichtsplattform in 60 Metern Höhe. Dabei kann der Besuchende auch den sogenannten Kaisersaal besichtigen.

Verläßt man über das Hauptportal den Dom, schaut man über den Domplatz mit dem Bischofshaus hinaus auf die Maximillianstraße bis zum westlichen Stadttor, dem Altpörtel. Der gibt als einer der höchsten Stadttore in Deutschland den nächsten Superlativ. Die Straße selbst steht dem in nichts nach. 

Sie wurde bereits nach dem Dombau im 11. Jahrhundert angelegt und diente als Via Triumphalis den Fürsten, die sich in Speyer aufhielten.  Eine große Zahl an Reichstagen haben in Speyer stattgefunden, Heinrich ist von hier nach Canossa aufgebrochen, Luthers Thesen wurden hier verhandelt, ebenso das Lösegeld für den gefangenen englischen König Richard Löwenherz - kurz: in Speyer fand europäische Geschichte statt. Zuletzt im Jahr 2017, als im Dom die Trauerfeier für den langjährigen Bundeskanzler Helmut Kohl abgehalten wurde. 

Dass der Hauch der Geschichte mitunter über Speyer wehte, merkt man dem städtischen Leben nicht an.  Die allerorts üblichen Läden in der Maximilianstraße machen die Stadt nicht von jeder anderen ihrer Größe unterscheidbar. Mit dem Technikmuseum und dem Sea Life-Aquarium verfügt Speyer über sehr zeitgemäße Attraktionen. Deshalb, und weniger wegen des Doms, der riesige Parkplatz. 

Ich überlege, hier die Nacht über stehen zu bleiben, doch die Beschilderung schreckt mich ab. Vielleicht aufgrund schlechter Erfahrungen mit zu viel Campingverhalten, vielleicht aber auch nur aus Prinzipienreiterei, jedenfalls schrecken die Schilder an den Parkuhren, aber auch die Beschreibungen in den Webforen ab. Es stehen noch ein paar andere Wohnmobile auf dem Platz herum, ich suche mir jedoch etwas anderes.

In einer ruhigen Seitenstraße am Rheinufer gefällt es mir besser. Eine Sackgassse mit legalen Parkplätzen, bis 18 Uhr kostenfplichtig, danach bis zum Morgen kostenfrei. Ein Transit mit Alkoven steht hier bereits, die Pole Position mit direktem Blick auf den Rhein ist noch frei. Den Platz nehme ich. Er wird von einer Straßenlampe beschienen, unter deren warmen Licht ich lange sitze, Kaffee trinke und den Schiffen zusehe. Ein paar Fußgänger und Radfahrer kommen vorbei, Hunde werden ausgeführt. Ab und zu einmal ein Auto, das dann wieder dreht und wegfährt. Spät erst ziehe ich den Sichtschutz vor. Die Nacht ist angenehm und ruhig. 

Der Morgen beginnt so entspannt wie immer im Wohnmobil: ich schalte die Heizung ein, koche Kaffee, trinke zwei Tassen, nehme anschließend eine kurze heiße Dusche, ziehe den Sichtschutz auf, als es hell wird, räume auf und bin abfahrtbereit.

Um neun Uhr habe ich meinen Termin im baden-württembergischen Kronau. Das ist eine gute halbe Stunde von hier entfernt. Der Verkehr ist lebhaft, aber nicht kritisch, ich bin gut in der Zeit, mithilfe des Navis ist es überhaupt kein Problem, daz Ziel in einem gesichtslosen Gewerbegebiet zu finden.

 

Zwei Stunden später bin ich mit einem Radioceiver, der jetzt so funktioniert, wie er soll, wieder unterwegs. Da es vorher schwer zu sagen war, wie lange der Termin dauern wird, habe ich mir für den Tag nichts weiter vorgenommen und entscheide mich spontan, auf der Rückfahrt das Kloster Lorsch zu besuchen. In unmittelbarer Nähe liegt auch ein Wohnmobilstellplatz, auf dem ich gleich Grau- und Schwarzwasser entsorgen kann.

Ebenso wie Speyer öffnet Kloster Lorsch ein Fenster in eine ferne Vergangenheit. Eine Ruine aus der Karolingerzeit, die Reste eines Gebäudekomplexes, das seit dem 8. Jahrhundert dort steht. Eingerahmt von zwei Autobahnen, der A 5 im Osten und der A 67 im Westen, umgeben von der gesichtslosen Architektur moderner Einfamilienhäuser, gleich neben einer kleinen Fachwerkaltstadt, zum Teil historisierend aufgehübscht, zum Teil drastisch mit den Stilelementen des 20. Jahrhunderts modernisiert, liegt das riesige grasbewachsene Areal, das die Größe der mittelalterlichen Anlage zeigt. Zur Stadt hin die Torhalle, oben auf dem Hügel das sogenannte Basilikafragment, Rest einer Kirche aus dem 12. Jahrhundert, und von der anderen Seite aus sichtbar, die Reste der alten Klostermauer. Natürlich ist auch Kloster Lorsch schon lange auf der Liste der UNESCO-Weltkulturerbe. 

Was nicht vor Ort zu sehen ist: Zwei mittelalterlische Handschriften aus der Zeit Karls des Großen geben von der kulturellen Bedeutung des Klosters Zeugnis: Das Lorscher Evangeliar und das Lorscher Arzneibuch. Letzteres gilt als das ältestes noch erhaltene medizinische Buch in Deutschland.  Das Evangeliar befindet sich schon lange nicht mehr in Lorsch, sondern in zwei Teile aufgeteilt im Vatikan und in der Rumänischen Staatsbibliothek. Das Arzneibuch wird seit bereits 1.000 Jahren in Bamberg aufbewahrt.

Von dem kleinen Hügel der Klosteranlage hat man auch bei dem trüben Wetter heute eine schöne Aussicht auf den Odenwald im Osten, dort liegen Heppenheim und Bensheim an der Bergstraße. Ich fahre jedoch nach Westen, über die B 47 nach Worms. Über die Nibelungenbrücke mit ihrem gewaltigen Torhaus überquere ich den Rhein und die Landesgrenze von Hessen nach Rheinland-Pfalz. 

Das Auto lasse ich auf einem ufernahen Parkplatz stehen und gehe in die Innenstadt. Das unscheinbare Worms ist mit 80.000 Einwohnern deutlich größer als das zuvor besuchte Speyer. Die Stadt ist ebenfalls uralt, schon seit Keltenzeiten besiedelt und gilt als eine der ältesten Städte Deutschlands. Ich bin mit Worms nie so recht warm geworden, die Stadt wirkt auf mich vernachlässigt, die Innenstadt noch hässlicher als so manch andere Stadt, deren über Jahrhunderte gewachsene Strukturen im Krieg zum Teil zerstört und in der Wirtschaftswunderzeit mit viel Teer und Beton autogerecht zurechtssaniert wurde. Die Fassaden der Geschäftsstraßen, immerhin zunehmend autofrei, sind allen Ortes austauschbar.

Auch Worms hat eine bemerkenswerte Geschichte vorzuweisen. Die Stadt war seit der Antike Bischofssitz, worauf der beeindruckende Dom hinweist, was erst mit der Säkularisation in der Folge der Französischen Revolution ein Ende fand. Hier wurde der Elsässer Leo IX zum Papst gewählt, der sogenannte Investiturstreit beigelegt, ein Kaiser vermählt. Am Domportal haben sich die Nibelungenfrauen Kriemhild und Brunhild gestritten, natürlich wegen ihrer Männer. 

Ganz recht, die Nibelungen waren hier zugange, die Sage lässt hier einige der Ereignisse des Heldenepos stattfinden: Deshalb führt Worms den Zusatz Nibelungenstadt. An der Promenade am Rheinufer steht der in Stein gehauene Hagen mit erhobenen Armen, gerade dabei, den Nibelungenschatz in den Fluss zu werfen. Hat er nun oder hat er nicht?

Wie schon eingangs erwähnt, gehörte Worms zum SchUM-Verbund jüdischer Gemeinden, zusammen mit Mainz und Speyer.  Im Herzen der Altstadt liegt das ehemalige Judenviertel. Die jüdische Gemeinde fand auch hier nach fast tausend Jahren mit Vertreibung, mit Deportation und Ermordung ihr Ende. Jedoch wurden die alte Synagoge und das daneben liegende Gemeindehaus, beide in der Pogromnacht 1938 verwüstet, wieder aufgebaut. Das heute nach einem jüdischen Gelehrten des Mittelalters, Rabbi Schlomo ben Jizhak, benannte Raschihaus ist heute Gedenkstätte und Museum, daneben auch Sitz des Stadtarchivs.

 Die Synagoge, romanischen Ursprungs, galt architektonisch als Vorbild eines Bautyps, dessen zwei Schiffe des Innenraums von zwei Säulen getragen wurde. Der Bau war im 13. Jahrhundert um die erste bekannte Frauensynagoge ergänzt worden. Im Garten der Synoagoge befindet sich der Zugang zur unterirdischen Mikwe. 

Ich nutze die Zeit, die geöffnete Synagoge von innen anzuschauen, sowie für einen Besuch des Museums. Der Eintritt ist mit 1,50 Euro sehr günstig. Die Mikwe im Garten ist nicht zugänglich. 

Danach verlasse ich Worms und beende diese spontane Reise in die Vergangenheit dieser Region. Über die B 9 fahre ich  Richtung Mainz, rechts den Rhein und links die rheinhessische Weinlandschaft, vorbei an Weindörfern, der alten Stadt Oppenheim mit der Burgruine Landskrone und der großen Katharinenkirche, die alleine wegen ihrer bemerkenswerten unterirdischen Gänge, die sich von Hauskeller zu Hauskeller erstrecken, einen Besuch Wert ist. 

Über die Weisenauer Brücke und dann am Mainspitzdreieck auf die A 671. Am kommenden Samstag wird die gesperrte Salzbachtalbrücke, über die die A 66 an Wiesbaden vorbeiführt, gesprengt. Heute fahre ich ein letztes Mal den Bypass, der eingerichtet wurde, damit wenigstens der Autoverkehr halbwegs aus der Mainzer Straße heraus auf die A 671 weitergeführt werden konnte, und erhasche einen letzten Blick auf die Brücke, die bald nicht mehr dort steht. Der 700.000 Euro teure Spezial-LKW, der die Brücke noch untersuchen sollte, und dem längere Zeit drohte, mit der Brücke gesprengt zu werden, wurde zwischenzeitlich geborgen. Ist die Brücke erst einmal weg, wird hoffentlich auch irgendwann wieder der Hauptbahnhof Wiesbaden regulär befahrbar sein. Es ist schon mehr als merkwürdig, in einer Großstadt zu leben, deren Hauptbahnhof kein Zug anfährt. 




















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